Das Grosse Heft // Interview JÁnos SzÁsz

Interview János Szász

WANN HABEN SIE “DAS GROSSE HEFT” VON ÁGOTA KRISTÓF GELESEN? WIE KAM ES ZU DEM FILM?

Ich habe das Buch Mitte der 90er Jahre gelesen, und schon damals haben wir uns um die Filmrechte bemüht. Das war noch vor meinem Film “The Witman Boys”, in dem es um die Probleme vernachlässigter Heranwachsender geht. Aber die Rechte waren über Jahre vergeben, zunächst lagen sie bei Agnieszka Holland, dann bei Thomas Vinterberg, schließlich bei der Constantin. Wir haben es immer wieder mal versucht, aber man kam einfach nicht an das Buch heran. Dann erfuhr mein deutscher Produzent Sandor Söth eher zufällig, dass die Rechte wieder frei waren. Einen Tag später hatte er die Rechte, und drei Tage später saßen wir bei Ágota Kristóf in ihrer Wohnung in Neuchâtel.

WIE HABEN SIE ÁGOTA KRISTÓF ERLEBT? WIE STAND SIE ZU DER IDEE DER VERFILMUNG?

Vom ersten Moment an hat sich ein sehr enges Verhältnis mit ihr entwickelt. Sie sah sich alle meine Filme an, dann gab sie mir grünes Licht. Ich hatte ihr gesagt, dass mich als Filmemacher nur “Das grosse Heft” interessieren würde, nicht die ganze Trilogie. Der Roman ist auf französisch geschrieben, die Handlung spielt an einem nicht näher bezeichneten Ort, in einem namenlosen Krieg. Ich wollte, dass die Geschichte in Ungarn verortet ist, dass sie im Zweiten Weltkrieg spielt. Ich glaube, sie war sehr glücklich damit, dass ihre Geschichte so an ihren ursprünglichen Ort zurückkehren würde, an den Ort ihrer Erinnerungen. Wir haben Ágota dann regelmäßig getroffen, auch in Ungarn. Das war immer ein Erlebnis. Sie war eine starke Frau, sie konnte sehr stark lieben, aber auch sehr stark hassen. Sie fürchtete sich vor nichts, am wenigsten vor dem Tod. Ich habe sie regelmäßig über den aktuellen Stand informiert, die Produktionsvorbereitung, die Suche nach den Kindern … Ich glaube, Ágota war sehr glücklich damit. Dann bekam ich den Anruf, dass sie gestorben sei. Es war, als hätte ich eine nahe Verwandte verloren. Das war völlig unabhängig vom Film. Sie war eine fantastische Frau.

WAS INTERESSIERTE SIE SO AN DEM BUCH?

Das ist eine schwierige Frage. Auf der einen Seite sind es die Kinder. Im Grunde geht es darum, wie zwei Kinder zu leben lernen. Wie es geschehen kann, dass sie zu Ungeheuern werden, zu Ungeheuern, die ihre Gefühle eingeschlossen haben. Im Buch von Ágota Kristóf sind diese Gefühle spürbar, sie liegen unter der Oberfläche, unter der Haut. Ein zweiter Punkt ist, dass die Geschichte im Krieg spielt. Wie kann man eine Kriegsgeschichte erzählen, ohne den Krieg sebst zu zeigen? Die Szenen für sich selbst sprechen zu lassen, das aufscheinen zu lassen, was der Krieg ist, wie der Krieg den menschlichen Charakter verändert, was der Krieg aus zwei unschuldigen Kindern machen kann. Wie der Krieg zerstört.

SIE HABEN MIT ANDRÁS SZEKÉR DAS DREHBUCH GESCHRIEBEN. WAS WAR IHR AUSGANGSPUNKT, WIE VERLIEF DIESER PROZESS?

Das ist ein interessanter Prozess, weil man sich ab einem bestimmten Moment der Adaption vom Roman, von der OriginalGrossmutter ist die Mutter unserer Mutter. Bevor wir zu ihr gekommen sind, wussten wir nicht, dass die Mutter unserer Mutter noch lebt. Wir nennen sie Großmutter. Sie nennt uns Hundesöhne. vorlage lösen muss. Wir sind im Skript nahe am Roman geblieben, aber wir wussten, dass der Film etwas Anderes, etwas Neues sein würde. Dieses Verhältnis von Nähe und Loslösung ist ein Prozess, der manchmal plötzlich, manchmal sehr langsam vorangeht und der sich beim Drehen fortsetzt. Und man muss immer wieder zurückkehren. Wenn ich beim Drehen unsicher war, habe ich mir den Roman zur Hand genommen, wie hat Ágota das geschrieben, was ist die Situation, warum ist das bei uns nicht so gut… Das Gleiche habe ich auch abends gemacht, zur Vorbereitung auf den nächsten Drehtag. Der Roman war wie eine Zuflucht, er hat uns Sicherheit gegeben.

IM VERGLEICH ZUM ROMAN HABEN SIE EINIGE SZENEN WEGGELASSEN, AUCH SOLCHE, DIE EXPLIZIT VON SEXUALITÄT UND GEWALT HANDELN. WARUM?

Das sind die heikelsten Passagen des Buches. Was dem Mädchen im Film widerfährt, ist sehr hart – was bei Ágota Kristóf passiert, ist für mich nicht verfilmbar. Wenn mir das wichtig gewesen wäre, hätte ich diesen Film nicht gedreht. Die Szene zwischen dem Offizier und den Kindern, so wie sie im Buch beschrieben ist, wäre im Film an die Grenze zur Pädophilie geraten. Ich wollte damit subtiler umgehen. In diesem Film ging es immer darum, eine Balance zu finden, was schwer war. Letztlich ist die Szene, in der der Offizier die Zwillinge aus dem Gefängnis holt, auf ihre Weise sehr explizit. Ich glaube auch, dass es langweilig wäre, wenn wir alles zeigen würden, jede Grausamkeit, jede Perversion. Ich wollte sehr bewusst mit den harten, schmerzhaften Szenen umgehen. Es müssen nicht alle Szenen aus dem Buch vorkommen. Literatur wirkt definitiv anders als Film.

IN EINEM FRÜHEN REGIESTATEMENT HABEN SIE GESCHRIEBEN, IHNEN SCHWEBE FÜR DIESEN FILM EIN STIL ZWISCHEN TARKOWSKIJ UND ROBERT BRESSON VOR.

Das habe ich geschrieben, lange bevor wir den Film gedreht haben. Dann wird aber alles komplett anders. Mit der Zeit spürt man beim Drehen, in welche Richtung der Film sich stilistisch wirklich bewegt, welchen Stil der Film haben muss. Mir war es wichtig, keinen verkünstelten Film zu machen. Der Film sollte eine Gegenwart haben, er sollte sozusagen hier und jetzt spielen. Das ist der Stil. Sich nicht in Kunstfertigkeiten zu verlieren, sondern sich darauf zu konzentrieren, die Geschichte zu erzählen, nah an der Geschichte zu bleiben, was sehr schwierig ist. Im Buch z.B. lesen Sie, wie der Vater am Ende zurückkommt, wie er nach seiner Frau fragt und sich anfangs gar nicht um die Kinder kümmert, wie er den Leichnam seiner Frau ausgräbt. Das sind zehn Zeilen bei Ágota Kristóf. Wenn man das filmt, wird das ein vollständig anderes Universum. Weil man sich der Situation und der Wirklichkeit Ágota Kristófs aussetzt, weil einem bewusst wird, wie verschieden literarische und filmische Mittel sind.

WIE HABEN SIE IHRE BEIDEN JUGENDLICHEN DARSTELLER GEFUNDEN?

Das hat sehr lange gebraucht. Wir haben alle Schulen in Ungarn angeschrieben und nach Zwillingen gesucht, das hat drei oder vier Monate gedauert, allein um Antwort von den Schulen zu bekommen. Es ist sehr schwierig, Zwillinge zu finden, aber noch schwieriger ist es, Zwillinge zu finden, die diese Rolle verkörpern können. Nach einem halben Jahr fanden wir sie dann. Sie stammen aus einem kleinen Dorf in einer sehr armen Region Ungarns. Sie müssen jeden Tag körperlich arbeiten und leben in schwierigen Verhältnissen. Ich musste ihnen nicht erklären, was ein schweres Leben ist, das wussten sie besser als ich. Sie zu finden war wie ein Wunder.

WAS WAR DIE GRÖßTE HERAUSFORDERUNG BEIM DREHEN?

Einfach, sehr einfach zu bleiben … Es ging darum, die richtige Filmsprache zu finden, nicht zuviel zu inszenieren, sondern der Geschichte zu folgen, auch sich Zeit lassen, um mit Christian Berger und den Schauspielern Dinge auszuprobieren. Ich bin kein Regisseur, der die Szenen zuhause am Reißbrett bis ins Detail entwirft. Für mich ist Filmemachen immer eine Reise. Ich bin neugierig, und ich lasse mich von vielen Dingen überraschen. Es war sehr wichtig, auf die beiden Kinder einzugehen, ihnen zuzuhören. Sie kommen aus der realen Armut Ungarns, sie kennen jeden Aspekt dieses Lebens aus eigener Erfahrung. Ohne sie wären wir bei diesem Film als Filmemacher nichts gewesen. Ich habe sie nicht immer inszeniert, ich habe auch zugelassen, dass sie die Richtung vorgeben. Wenn ich ihnen die jeweilige Situation und Szene vorgestellt habe, waren sie einfach mitten drin. Sie haben viel Leben und viel Seele mitgebracht, und ich bin ihnen gefolgt.

SIE HABEN ZUM ERSTEN MAL MIT DEM KAMERAMANN CHRISTIAN BERGER ZUSAMMENGEARBEITET.

Christian Berger setzt auf eine gewisse Distanz. Es gibt sehr wenig Nahaufnahmen in diesem Film. Und doch schafft er in seinen Totalen, wie die Alten Meister, dass sich in der Tiefe des Bildes etwas zutiefst Menschliches abspielt. Es geht um, wie Ágota Kristóf sagte, sehr einfache Menschen, in denen trotz allem ganz tief in ihrem Innerem eine Form der Liebe ist. Vielleicht war das die größte Herausforderung bei diesem Film. Es ging darum, dass man bei aller Kälte und Schroffheit und doch spüren musste, dass es um Menschen geht.

IST ES SO, DASS DIE KINDER IM VERLAUF DER GESCHICHTE IHRE UNSCHULD VERLIEREN, DASS SIE ZU SCHULDIGEN WERDEN?

Vordergründig gesehen ja. Aber wer ist dafür verantwortlich? Das sind wir, die Erwachsenen. Der Film beginnt mit einem sehr kurzen, glücklichen Prolog. Danach kommen sie zur Großmutter, sie werden von der Mutter verlassen, die ihnen zwei Dinge mit auf den Weg gibt: Sie sollen niemals mit dem Lernen aufhören, und sie sollen, komme was wolle, überleben. Das hängt den beiden nun wie eine Last am Hals in einer Zeit des Krieges, in der sich die Moral sehr stark von der in Friedenszeiten unterscheidet. Man kann da nicht ohne Schuld bleiben, das geht nicht. Die Zwillinge besitzen eine starke moralische Sensibilität. In diesem Punkt ist der Roman sehr geschickt. Denn genau dieses moralische Grundempfinden führt bei den beiden zu Schuld. Sie lassen den Ofen der Magd explodieren, weil sie sich ohne Not bestialisch gegenüber den Juden verhielt.

EIN WESENTLICHES MOTIV VON DAS GROSSE HEFT IST DIE FRAGE VON ERINNERUNGEN, VON WAHRHEIT UND WAHRHAFTIGKEIT. WIE SIND SIE DAMIT UMGEGANGEN?

Ich denke, es ist sehr wichtig, dass das Schreibheft der Kinder selbst zum Protagonisten im Film wird. Es den Kindern darum, alles so aufzuschreiben, wie es passiert ist. Und uns ging es darum, einen Film zu machen, der möglichst ungekünstelt ist, der eine Natürlichkeit, eine Selbstverständlichkeit hat. Ich wollte den Film so drehen, als könnten die Ereignisse tatsächlich so stattgefunden haben. Es war großartig, mit Christian Berger zusammenzuarbeiten, weil er ein Meister im Umgang mit natürlichem Licht ist. Die Bilder, so wunderbar sie sind, lassen durch Christians Umgang mit Licht, mit den Schauspielern, den Gesichtern eine besondere Art von Einfachheit spüren. Und darum ging es uns, den Film auf eine bestimmte Weise einfach zu machen, damit die Zuschauer spüren, dass das, was sie da sehen, wahr ist. Die Zwillinge, Piroska Molnar, Ulrich Matthes, Ulrich Thomsen, alle Schauspieler leisten Großartiges in diesem Film, aber ihr Spiel ist immer einfach, es setzt nicht auf Effekte. Einfach und trocken.

In den sehr kurzen Sätzen bei Ágota Kristóf liegt eine Art von Einfachheit. Ich denke, dass auch alle Bilder erst einmal einfach sind. Wir haben versucht, sie einfach zu machen, die Geschichte in einer sehr einfachen Weise zu erzählen … Ich bin kein großer Fan von mir selbst. Ich rede darüber, was mich an diesem Film interessiert. Es ist diese Reise, die mich so stark anzieht.