Das Grosse Heft // Über Ágota Kristóf

Über Ágota Kristóf

Ágota Kristóf wurde 1935 im Dorf Csikvánd in Westungarn geboren. Ihr Vater ist Lehrer, im Alter von 4 Jahren beginnt sie, wie sie in ihrer autobiografischen Erzählung „Die Analphabetin“ schreibt, alles zu lesen, was sie in die Finger bekommt: „Die Lust zu schreiben wird sich später einstellen, wenn der Silberfaden der Kindheit zerrissen ist, wenn die schlechten Tage kommen und die Jahre, von denen ich sagen werde: Ich mag sie nicht.“ Dem Krieg folgt der Stalinismus. Der Vater wird verhaftet und verschwindet für Jahre im Gefängnis. Die Mutter verdient mühsam den Lebensunterhalt für die Familie. Mit 14 Jahren kommt Ágota Kristóf ins stalinistische Internat, getrennt von ihrem geliebten kleinen Bruder. Sie beginnt zu schreiben, neben Gedichten auch kleine Theaterstücke, die im Kreis der Mitschülerinnen gegen Abgabe von Naturalien zur Aufführung kommen – das Schreiben hilft in der inneren Not, und es hilft ganz praktisch. Nach dem Abitur heiratet Ágota Kristóf ihren früheren Geschichtslehrer, einen Oppositionellen. 1956, in der Zeit der Hoffnung auf Veränderung, kommt die Tochter Zsusza zur Welt. Der ungarische Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Die junge Familie flieht über die schwerbewachte Grenze nach Österreich und findet schließlich Aufnahme in der Nähe von Neuchâtel in der französischsprachigen Schweiz. Dem Verlust der Heimat und der Familie folgt der Verlust der Sprache. Ágota Kristóf kann kein Französisch, sie wird zur „Analphabetin“. Sie findet Arbeit in der Fabrik und veröffentlicht einige Gedichte in einer Zeitschrift für ungarische Exilliteratur. 1962 tritt sie die Flucht nach vorne an: Sie belegt Sommerkurse in Französisch an der Universität und bemächtigt sich nach und nach der neuen Sprache, die ihr doch ein Leben lang, wie sie schreibt, „Feindessprache“ bleibt: „Diese Sprache tötet allmählich meine Muttersprache.“ Sie trennt sich von ihrem Mann und begründet eine neue Familie. In den 70er Jahren entstehen erste Theaterstücke in französischer Sprache, später eine Reihe von Hörspielen. Die „objektive Schreibweise“, für die Ágota Kristóf später berühmt werden wird, verdankt sich auch dieser Arbeit, der Notwendigkeit, sich „streng an das Sichtbare und Hörbare“ zu halten. Zunächst fast absichtslos, dann immer bewusster beginnt sie mit der Arbeit an einem Roman. Es sei kein autobiografischer Roman, wird sie später sagen, aber sie sei „vollkommen darin enthalten“. Sie schickt das Manuskript an die großen Pariser Verlage. Nach lauter Absagen meldet sich der Verleger von Le Seuil: Er ist begeistert. Ágota Kristóf ist 51 Jahre alt, als „Le Grand Cahier“ 1986 erscheint und mit einem Schlag ihren Platz im Kanon der Weltliteratur begründet. Binnen weniger Jahre wird das Buch in mehr als 20 Sprachen übersetzt, 1987 erscheint es in der deutschen Übersetzung von Eva Moldenhauer im Rotbuch Verlag. Im gleichen Jahr eröffnet der Prix littéraire européen den Reigen bedeutender Literaturpreise. Es folgen u.a. der schweizerische Schillerpreis, der Alberto-Moravia-Preis, der Gottfried-Keller-Preis, der Preis der SWR-Bestenliste, der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur und zuletzt 2011 der Kossuth-Preis, zu dessen Verleihung sie noch einmal nach Ungarn reist. So bedeutend ihr inzwischen in fast 40 Sprachen übersetztes Werk ist, so schmal ist es. „Schreiben“, hat Ágota Kristóf einmal gesagt, „ist ein wenig selbstmörderisch, es tötet ein bisschen.“ Die Geschichte der Zwillinge Lucas und Claus, die vielleicht nur eine Person sind, beschäftigt sie weiter. 1988 erscheint „Der Beweis“, 1991 schließt „Die dritte Lüge“ die Trilogie ab. Es folgen „Gestern“ (1995), „Die Analphabetin“ (2004) und 2005 ihr letztes Buch „Irgendwo“. Ágóta Kristóf starb am 27. Juli 2011 in Neuchâtel. In „Die Analphabetin“ hat sie geschrieben: „Wie wäre mein Leben gewesen, wenn ich mein Land nicht verlassen hätte? Härter, ärmlicher, denke ich, aber auch weniger einsam, weniger zerrissen, vielleicht glücklich. Was ich sicher weiß, ist, dass ich überall und in jeder Sprache geschrieben hätte.“